Brief von Olek Witt

am 28. Mai 2021. In Gedanken bei Helga

Vor 91 Jahren ist in Wien ein außergewöhnlicher Mensch geboren:

Helga Pollak.

Liebe Helga,

vor sieben Jahren hatte ich die Freude, Dich in Friedrichshafen am Bodensee kennenzulernen.  Es war für mich eine schicksalhafte Begebenheit. Deine Erlebnisse und Dein Tagebuch, das Du als Kind in Theresienstadt geschrieben hast, begleiten und inspirieren mich in meiner Arbeit als Theaterpädagoge und Regisseur bis heute. Seit dieser ersten Begegnung sind mehrere Theaterprojekte entstanden, in denen sich junge Menschen mit Deinem Leben, Deinen Gedanken und ganz besonders mit Deiner Haltung in einer schwierigen, dunkleren Zeit auseinandersetzen.

Aus Helgas Tagebuch

In Deiner Kindheit, angeregt und gefördert durch einfühlsame kreative Erwachsene, hast Du Dich mit Lebensmut der Unterwerfung, die Du als Jüdin in der Theresienstädter Gefangenschaft erleiden musstest, widersetzt. Du zeigtest zusammen mit vielen anderen Kindern eine beispielhafte Resilienz mit einem ungebrochenen Willen nach Freiheit, Freude und Solidarität. Du warst im Zimmer 28 in Theresienstadt ein Teil der Ma'agal Gemeinschaft, und Dein Symbol war der Leuchtturm.

2019 im August, in Wien, haben wir uns zuletzt gesehen. Es war ein schönes sommerliches Treffen mit unvergesslichen Gesprächen. Ich habe immer noch Dein wunderbares jugendliches Lächeln vor Augen.

Du bist im letzten Jahr von uns gegangen. Aber Deine Lebensgeschichte, Dein Tagebuch und Dein Einsatz gegen das Vergessen sind unser kulturelles Erbe: Es sind Schätze, die uns allen, vor allem der Jugend, den Weg in eine bessere Zukunft weisen können.

Ich wünsche mir, dass noch viele, viele junge Menschen die Chance bekommen, Dein Tagebuch zu lesen und Dich als eine Gleichaltrige von damals kennenzulernen.

Plakat zur Performance

Liebe Helga, Du hast damals, 1943, mit dreizehn Jahren in deinem Tagebuch gefragt: „Was ist das Herz unserer Welt?“- Meine Antwort heute:

Ich glaube es gibt viele Herzen. Herzen, die uns Menschen und die Welt hoffnungsfroh am Leben erhalten und die nie aufhören werden zu schlagen. Und eins davon bist Du.

Olek

Dresden, 28.05.2021

Aus der Rezension zut ersten von Olek Witt inszenierten Performane zu Helgas Tagebuch und den Mädchen von Zimmer 28, in Friedrichshafen

 

Schwäbische Zeitung vom 04.07.2014

"Dieses Stück setzt nicht auf starke Affekte und berührt gerade deswegen: Hier wiederholt sich keines der vertrauten und längst erstarrten KZ-Bilder. KZ-Klischees blenden das Menschliche aus und zeigen das Unmenschliche. Diese Produktion widmet sich umgekehrt gerade den Inseln des Humanen, um deren dauernde Bedrohung man weiß (...) Das Stück „Und der Regen rinnt...“ ist voller Poesie; in seinen Bildern, seinen Texten, seinen Liedern. Poesie ist also dort, wo man sie nicht vermutet."

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