In Memoriam

Vera Kreiner. geb. Nath

25. März 1930 - 8. März 2022

Vera im Mai 2014 bei der Ausstellung "As Meninas do Quarto 28" in São Paulo vor ihrem Foto als Kind

Von Hannelore Brenner

 

Vera Kreiner, geb. Nath – sie gehört zur Gruppe der „Mädchen von Zimmer 28“ aus dem Ghetto Theresienstadt – ist am 8. März 2022 von uns gegangen. „She was surrounded by her loving family until her last moments”, schrieb mir ihre Schwiegertochter Avivit noch am selben Tag.

Es fällt mir schwer, Worte zum Abschied von Menschen zu schreiben, die mir ans Herz gewachsen sind. Vera gehört mit Hanka Weingarten, Judith Rosenzweig, Handa Drori und Eva Zohar zu den Frauen, die mit meinen ersten Reisen nach Israel in den Jahren 1998 und 1999 für immer verbunden bleiben. Ich hatte damals keine Ahnung, was auf mich zukommen würde, als ich aufbrach, um weitere Überlebende des Zimmers 28, Mädchenheim L 410 kennenzulernen. Und dann dies: Herzlichkeit, Offenheit, Gastfreundschaft. Ich wurde – und dies habe ich Helga und Flaška zu verdanken – wie eine Freundin aufgenommen. Hanka war bei allen Israel-Reisen stets mein Ankerpunkt, organisierte meine Besuche, fuhr mich überall dorthin, wo man mich erwartete, auch zu Vera nach Ramat Gan. Das letzte Mal war ich drei Tage bei ihr im Dezember 2016.

Vera ist die dritte von links mit ihrem Mann Micky. Überlingen im September 2005

Da lebte sie schon einige Jahre allein, ohne ihren Mann Micky, der sie stets begleitet hatte, als wir uns noch jedes Jahr im September zwischen 1998 und 2006 in Spindlermühle trafen oder im Rahmen der Ausstellung und des Buches "Die Mädchen von Zimmer 28" zusammenkamen – in Schwerin (2004), Überlingen (2005) Berlin (2008 und 2009 und 2012) und an vielen weiteren Orten.

Wenn ich an Vera denke, sehe ich immer auch ihren Ehemann Micky vor mir. Das Schicksal hat die beiden fest aneinander geschmiedet – ihn, der im slowakischen Widerstand gekämpft hatte und sie, die am 25. März 1930 in Opava/Troppau in der Tschechoslowakischen Republik geboren wurde und am 8. Juli 1943 mit ihren Eltern und ihrer Schwester im Ghetto Theresienstadt ankam. Dort wurde die Familie am 8. Mai 1945 befreit.

Von Vera stammt ein Album, in dem Zeugnisse aus Theresienstadt enthalten sind. Auf ihren Erinnerungen beruhen auch die Worte, die am Ende des Buches „Die Mädchen von Zimmer 28“ stehen:

 

„Am 8. Mai 1945 lag immer noch Kanonendonner in der Luft (des Ghettos Theresienstadt), fast den ganzen Tag. Doch dann entlud sich die Spannung. Vom Dachboden der Dresdner Kaserne blickte Vera Nath hinunter auf die Straßen: Es war schon spät am Abend, nach neun Uhr. Plötzlich sahen wir eine Frau mit der roten Fahne! Und wir sind hinuntergerannt, die Schranken des Ghettos waren geöffnet. Die Rote Armee kam. Das waren alles noch Kinder, fünfzehn-, sechzehnjährige Burschen. Wir haben gejubelt, was konnten wir machen. Stundenlang haben wir draußen gestanden und haben zugeschaut. Alle haben gesungen, die Internationale, deutsch, tschechisch, polnisch, ungarisch … alles durcheinander.“

Die Rote Armee als Befreier

Die Rote Armee als Befreier! Wie anders hat sich unsere Welt gestaltet in den 77 Jahren, die seither vergangen sind… Mit welch erschreckender Dynamik, unter anderen Vorzeichen, sich manches gleichsam nach archetypischen Mustern zu wiederholen scheint.

 

1868 war Veras Großvater väterlicherseits aus dem russischen Zarenreich geflohen, aus Angst ins Militär zurückgerufen zu werden und angesichts der immer wieder aufflammenden Pogrome gegen russische Juden. Er hatte in Troppau /Oppava, damals zum Habsburger Reich gehörend, eine Heimat gefunden.

 

Siebzig Jahre später, 1938, als Nazideutschland das Sudetenland annektierte und dann das ganze Land besetzte, waren die Nachfahren wieder gezwungen zu fliehen, diesmal ins Innere des Landes. Brünn, Mährisch-Ostrau, Prag hießen die Stationen, ehe die Familie ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Dort entgingen sie zweimal knapp dem Transport nach Auschwitz-Birkenau und wurden in Theresienstadt befreit. Im Oktober 1948 wanderte Vera nach Palästina aus.

 

"Zweites Leben": Israel

Ihren Kindern wollte Vera ersparen, was zu einer der prägendsten Erfahrungen wurde: „Das ist eine schreckliche Sache. Wenn Freunde, die man gerade gewonnen hat, einfach verschwinden. Und man weiß nicht wohin. Man hört nie wieder von ihnen.“ Daher war es für Vera, als sie selbst Kinder bekam, wichtig, dass sie an einem Ort bleiben konnte. „Ich wollte, dass meine Kinder niemals aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden.“ Es ist ihr gelungen. – Doch leider, was sie als Kind erlebte, erleben Millionen von Menschen heute.

 

Heute, im März 2022, bieten Gebäude des ehemaligen Ghettos Theresienstadt- Terezin, in denen in den letzten Jahren Jugendgruppen untergebracht wurden, Zuflucht für Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind.

 

Es ist ein Trost zu wissen, dass Vera in ihrem „zweiten Leben“ mit Ehmann Micky und ihren Kindern ein gutes Leben in Israel hatte, ein Leben, das sie in viele Länder führte. Beide reisten leidenschaftlich gern.

 

Und so war Vera die einzige aus dem Kreis der „Mädchen von Zimmer 28“, die mit mir im Mai 2014 nach Brasilien flog zur Eröffnung der Ausstellung „As Meninas do Quarto 28“ am 22. Mai im Mube Museum in São Paulo.

Diese Reise hat uns noch nähergebracht. Und bis zuletzt schwang bei unseren Gesprächen die Erinnerung an unsere einzigartigen Erlebnisse in Brasilien mit. Sie war dankbar dafür, miterleben zu können, wie die Erinnerung an „Die Mädchen von Zimmer 28“ auf wundersame Weise in Brasilien ein Echo gefunden hat. Und ich bin dankbar für die schönen Bilder, die in meiner Vorstellung von Vera weiterleben; auch in meinem Herzen.

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