Helga Kinsky. geb. Pollak

28. Mai 1930 - 14. November 2020

Nachrufe. Helgas Freunde erinnern sich

Nachruf. Tomáš Hanus

Als ob ich einen Teil von mir verloren habe...

 

Helga Kinsky war für uns ein Teil der Familie.  Für meine Mutter, die von Helga immer Flaška genannt wurde, war sie wie eine Schwester. 

So stark hat das gemeinsame Leiden in Theresienstadt, die gemeinsame Lebenserfahrung die beiden Freundinnen verbunden, dass sich die Kraft mit gleicher Stärke auf die nächste Generation übertrug.

Die Beziehungen der „Mädchen aus Theresienstadt" wurden überhaupt zu einem Phänomen, das mich schon als junger Mensch tief beeinflusst hat, weil es so unbeschreiblich, so wahrhaftig und intensiv war.

Es wird über Helga noch viel gesagt und geschrieben werden. Sie war eine große Persönlichkeit, ohne sich groß zu machen. Aber das persönliche, ihre schönen hellen Augen, in denen man keinen Hass oder Bitterkeit finden konnte, das offene Herz, die Freundschaft, die sie uns geschenkt hat, das kann man niemals ersetzen. Ich fühle mich, als ob ich meine zweite Mutter verloren habe.

Danke für alles, liebe Helga! - Tomáš.  

Tomáš Hanus, Sohn von Anna Hanusová (Flaška), Helgas beste Freundin aus Theresienstadt. Tomáš ist musikalischer Direktor des Welsh National Opera House in Cardiff/Wales (WNO) und dirigierte im Sommer 2019 im WNO die Kinderoper Brundibár, in deren Rahmen dank Tomas' Initiative die Ausstellung "The Girls of Room 28" gezeigt wurde.

Helga mit Peter Gstettner am 13. April 2016

Nachruf

Peter Gstettner

 

Eine traurige Nachricht: Helga lebt nicht mehr. Wir werden sie sehr vermissen und in unserem Herzen und Gedächtnis bewahren!

 

Helga war Rednerin und Ehrengast bei der Internationalen Holocaust-Gedenkveranstaltung in Klagenfurt (2015) und war als Zeitzeugin im Kontakt mit dem BG BRG Lerchenfeld und der WI’MO. Ihre Offenheit und ihr Vertrauen waren ein Geschenk, für das wir unendlich dankbar sind!

Sie erhielt vor einem Jahr (am 27. November 2019 das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich verliehen. Ich durfte die Laudatio halten und sagte am Schluss u.a.: "Dass Helga Pollak-Kinsky 1957 wieder nach Österreich zurückkehrte, hatte rein private Gründe und war nicht das Verdienst der neu erstandenen Republik Österreich. Diese hatte keine jüdischen Emigranten und ehemaligen NS-Opfer eingeladen zurück zu kommen. Insofern war die österreichische Politik der Nachkriegsjahre auch dafür verantwortlich, dass die NS-Opfer Jahrzehnte hindurch über ihre Geschichte schwiegen. Einige konnten nicht darüber sprechen, weil sie noch so traumatisiert waren, andere wollten nicht darüber sprechen, weil sie Angst hatten, wieder eine Welle von antisemitischen Ressentiments auszulösen. Und es soll jetzt bitte niemand sagen, das wäre Vergangenheit und so eine Angst sei heute völlig unbegründet!

Die noch lebenden Zeitzeugen, wie eben Helga Kinsky, erzählen schon seit vielen Jahren ihre Geschichte in Schulen, bei wissenschaftlichen Tagungen und vor internationalen Versammlungen. Aber auch das fällt ihnen nicht leicht und ist nicht selbstverständlich, aber es geschieht im Bewusstsein, dass es gerade heute notwendig ist, die Jugend darüber zu informieren, was damals war und wie es dazu kommen konnte. Ohne diese Zeugnisse müssten wir noch mehr Angst haben vor der Wiederkehr von rechtsextremen und neonazistischen Strömungen in Österreich. Es ist ja ohnehin schon wieder so, dass Menschen, zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen, auf ihren Koffern sitzen, in Stacheldrahtgehegen „konzentriert“, und nicht wissen, wo und wer ihnen Zuflucht gewähren wird – oder ob sie wieder dorthin „ausgeschafft“ werden, wo ihnen statt Sicherheit tödliche Gefahren erwarten. - So sehe ich in der heutigen Überreichung des Goldenen Verdienstzeichens der Republik Österreich an Frau Helga Kinsky ein Zeichen des Dankes, dass sie uns und die nachfolgenden Generationen an ihrer Geschichte teilhaben lässt und uns damit einen wahrhaft menschenwürdigen Weg weist, der für alle gangbar ist, die aus der Geschichte für eine friedliche Zukunft lernen wollen.“ 

 

Peter Gstettner schrieb das Nachwort zum Buch von Helga Pollak-Kinsky "Mein Theresienstädter Tagebuch 1943-1944". Auch schrieb er als Beiratsmitglied des Room 28 Bildungsprojektes einen wertvollen Beitrag im Kompendium zum Bildungsprojekt, nachzulesen auf www.room28education.net/downloads.

Die Nachricht über den Tod von Helga hat mich zutiefst erschüttert! Welch ein Verlust!

Susanne Gargerle,  erste Geigerin beim Bayerischen Staatsorchester München, Gründerin des Shalom Ensemble und treue Verbündete und Mitglied unseres Vereins. 

Nachruf

Juliane Moghimi

 

Die Zeit arbeitet unaufhaltsam gegen die Zeitzeugen“ – diesen Satz habe ich in der Einleitung zu einem Artikel für das Verbandsmagazin Thüringer Schule“ geschrieben, für den ich die letzten drei Mädchen von Zimmer 28 interviewen durfte: Handa in ihrem Kibbuz in Israel, Evelina in Prag und Helga in Wien. Mit jeder dieser drei wunderbaren Frauen durfte ich 15 oder 20 Minuten lang telefonieren, durfte ihnen einige Fragen zum Thema Bildung stellen und vor allem: Sie als Menschen kurz erspüren. Das war kaum mehr als der flüchtige Hauch eines Kennenlernens, und doch hat er bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Handa, die Kämpferische, Evelina, die Zweifelnde – und dann Helga. Sie war so wach, so zugewandt und so interessiert an allem, was geschieht. Sie hat mir Fragen gestellt – als ob ich dieser Frau irgendetwas von Belang hätte erzählen können! Nie war ich vorher so aufgeregt wie bei diesen drei Interviews, nie hinterher so berührt. Ich wusste, dass wir, die Nachgeborenen, nicht mehr viele Gelegenheiten haben würden, mit unseren Zeitzeugen zu sprechen.

Dass ich schließlich tatsächlich eine der letzten sein würde, die Helga interviewen durften, hat mich jetzt aber doch kalt erwischt. Es hat so gut getan, ihr Tagebuch in den Händen zu halten, in das Gesicht dieses tapferen, klugen Mädchens auf dem Cover zu blicken und zu wissen: Sie hat überlebt. Sie ist jetzt wohlauf.

 

Aber die Zeit arbeitet unaufhaltsam, auch gegen ihre eigenen Zeugen, und nun musste Helga, für die die NS-Verbrecher nicht einmal vorgesehen hatten, dass sie erwachsen werden darf, im Alter von 90 Jahren gehen. Sie durfte ein vergleichsweise langes Leben leben, und dennoch scheint es im Rückblick viel zu kurz. Helga hat ihre Lebenszeit genutzt, um wichtige Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit zu leisten. Gemeinsam mit den anderen überlebenden Frauen hat sie all denen eine Stimme gegeben, die ermordet wurden. Es hätte noch so viel zu sagen gegeben gegen die immer wieder aufkeimende Dummheit, gegen den einfach nicht enden wollenden Hass. Es sind nicht mehr viele originale Stimmen, die sich erheben können – von den Mädchen aus Zimmer 28 sind nur noch zwei geblieben. Aber es gibt uns, die wir diese fantastische Frau kennenlernen durften, und sei es auch – wie in meinem Fall – noch so flüchtig. Wir tragen die Saat der Liebe, des Respekts und des Widerstands, die damals in Theresienstadt ausgesät wurde, in unseren Herzen. Es ist unsere Menschenpflicht, sie aufgehen zu lassen, zu ernten, neu auszusäen – soll heißen: die Augen, die Ohren und vor allem den Mund aufzumachen, wann immer es Not tut. Dann wird Helgas, dann wird das Vermächtnis aller Mädchen von Zimmer 28 weiterleben.

 

Juliane Moghimi ist es zu danken, dass sich die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift des Thüringer Lehrerverbandes dem Room 28 Bildungsprojekt widmete. Der gesamte Beitrag und das Interview, das Juliane führte, steht auf der neuen Website von www.room28education.net zum download zur Verfügung.

Worte des Gedenkens

Rainer Müller

Ja, das ist eine sehr sehr traurige Nachricht. Und ja, ich verstehe sehr genau, dass dich Helgas so überraschendes Lebensende mitten ins Herz getroffen hat. Und dein Text hat mich sehr berührt. Und Helga war ein wenig auch im Arbeitskreis unserer ehemaligen Synagoge Leutershausen ein Stück von uns. Wunderbare und wichtige Erinnerungen nehmen wieder lebendige Bilder an. 

Nach einem so kraftvollen und wertvollen Leben 90-jährig durch eine kleine Pforte ohne Not von heute auf morgen in die Ewigkeit zu gehen ist vielleicht, so traurig es ist für die Hinterbliebenen, eine liebevolle Gottesgabe.

 

Rainer Müller brachte 2006 die Ausstellung nach Leutershausen, wo sich der Arbeitskreis Ehemalige Synagoge e.V äußerst liebevoll um die Gäste - Helga, Anna Hanusová und Evelina Merová -  kümmerten und die Ausstellung zum Teil in der Evangelischen und zum Teil in der Katholischen Kirche zeigten. Die Auftaktveranstaltung - eine szenische Lesung mit Helga, Anna Hanusová, dem Chor von Anna Töller, Bad Aibling mit Liedern von Brundibár und  mir (Hannelor Brenner) - fand in der ehemaligen Synagoge statt. Aus den Begegnungen sind lebenslange Freundschaften entstanden. Rainer Müller ist bis heute treues Mitglied unseres Vereins.

Worte des Gedenkens

Lutz und Petra Voss, Zepenick

Wir trauern mit Dir. (...)  Die Zeit will es, dass der Kreis der Mädchen von Zimmer 28 immer kleiner wird. Wir haben Helga persönlich sehr geschätzt und Ihre Lebensfreude genossen. Sie war eine starke Frau und hat sich von den Untiefen Ihres Lebens nicht einschüchtern lassen. Wir werden ihr stets ein ehrendes Gedenken bewahren. Das versprechen wir heute. Unser Mitgefühl geht auch an Ihre Tochter Eva und ihren Sohn Eric in Wien und an ihre Enkeltochter Sara. Wir sind dankbar und froh, dass wir im Verein viele Jahre lang an der Seite von Helga und all den anderen "Mädchen vom Zimmer 28" viele wichtige Erlebnisse hatten. Der Sache von Room 28 bleiben wir treu verbunden. Es entspricht zutiefst unserer Denkweise, dass sich der Holocaust niemals wiederholen dar.

 

Lutz und Petra Voss sind seit Jahren treue Mitglieder unseres Vereins, nahmen an vielen unserer Veranstaltungen und Aktivitäten teil, auch in jenen Zeiten, als noch alle der Überlebenden dabei sein konnten.

Foto © www.evelinfrerk.de

Worte des Gedenkens

Annette Wiese-Krukowska
 
Das ist eine sehr traurige Nachricht! Helga war so ein toller Mensch mit einer wundervollen Ausstrahlung. Sie war mir sofort sehr sympathisch, als wir uns kennen lernten. Ich werde sie in meinem Herzen bewahren.
 
Annette Wiese-Krukowska lud uns zusammen mit dem Ensemble Zwockhaus im Namen des Landtages Schleswig-Holstein nach Rendsburg ein, wo wir unsere Lesung mit Liedern aus Theresienstadt anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Theater Rendsburg auf die Bühne brachten.

Nachruf 

ehemaliger Schüler/Innen und Lehrer

des Albert-Einstein-Gymnasiums in Reutlingen

 

Helga Kinsky, geborene Pollak, Holocaust-Überlebende und Zeitzeugin, Autorin eines berührenden Tagebuchs, geschrieben als 12-14 Jährige im Theresenstädter Ghetto, das den Grundstein für die Edition Room 28 legte, ist am 14. November gestorben.

Wir - ehemalige Schüler/Innen und Lehrer des Albert-Einstein-Gymnasiums in Reutlingen , haben sie kennen gelernt auf Grund einer Einladung nach Berlin. Unser Neigungsfach Geschichte hatte die Gedenkstunde zur Reichsprogromnacht in der Martinskirche am 9.11.2011 gestaltet und wir hatten das Thema „Theresienstadt und Room 28“ gewählt, da zeitgleich in Reutlingen die Ausstellung „Die Mädchen von Zimmer 28 “ stattfand und die Kinderoper „Brundibár“ aufgeführt wurde.

Die Vorsitzende des Vereins Room 28, Hannelore Brenner, lud uns aufgrund dieses Engagements nach Berlin ein, wo wir das Projekt in der Landesvertretung Baden-Württemberg vorstellten und zu einem Gespräch mit Frau H. Mattheis, MdB, eingeladen wurden.

Eindrucksvoll war ein Abend in der tschechischen Botschaft, wo die Kooperation zur Herstellung einer deutsch-tschechischen Unterrichtseinheit vorgestellt wurde.

Höhepunkt des Abends war die Lesung von Frau Helga Pollak-Kinsky aus dem Buch „Die Mädchen von Zimmer 28“ und aus ihrem Tagebuch; in diesem Zimmer hatte sie ihre Zeit in Theresienstadt verbracht, bevor sie im Oktober 1944 nach Auschwitz kam und nur durch ihre Behauptung, schon 18 Jahre alt zu sein, der Vernichtung entging.

Wir haben Frau Pollak-Kinsky als beeindruckende Frau kennen- und schätzen gelernt. Die Gespräche mit ihr werden immer in unserer Erinnerung bleiben.

Die Nachricht von ihrem Tod macht uns sehr betroffen.

 

Die Lehrerin Stefanie Henes hatte ihre Klasse im Jahr 2011 auf unser Erinnerungsprojekt aufmerksam gemacht und sie dazu inspiriert, sich für unsere Sache stark zu machen. Stefanie Henes ist seither treues Mitglied unseres Vereins.

Alexander Wolf

Worte des Gedenkens

 

Ich bin sehr traurig über den Tod von Helga Kinsky und auch darüber, dass ich sie nicht mehr kennenlernen konnte. Ihr und ihren Freundinnen vom Ghetto Theresienstadt ("Mädchen von Zimmer 28") sind wir es schuldig, dass ihre Botschaften weitergegeben und vermittelt werden. Das Fundament dafür hast du, liebe Hannelore, bereits gesetzt durch deinen unermüdlichen Einsatz. Als ihre Freundin und Wegbegleiterin empfindest du sicher tiefe Dankbarkeit an ihrer Seite gewesen zu sein und ebenso tiefen Schmerz über ihren Tod. Ich verspreche dir und dem Andenken an Helga niemals aufzugeben und gegen jede Art von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit anzukämpfen. Helga Kinksy hinterlässt in unseren Herzen ein Loch. Aber wir sind dankbar, dass sie viele Herzen bewegt hat. Wir vermissen sie.

 

Alexander Wolf, Mitglied von Room 28 e.V., hat Anfang 2019 einen pädagogischen Workshop ins Leben gerufen und fünf junge P#dagog*innen aus seinem Kreis dafür gewonnen, sich für das Room 28 Erinnerungsprojekt einzusetzen. Mehr hierüber lesen Sie auf der Seite von Room 28 Education, www.room28education.net/workshops

Foto von Ute Lemm

Nachruf

Ute Lemm

 

Offen. Interessiert. Einfühlsam. Klar. Entschieden. So habe ich Helga Kinsky immer wieder erlebt.
Im Februar 2019 konnten meine Tochter und ich mit Helga Kinsky einen ganzen Abend lang in Wien ausführlich sprechen. Wir haben damals keine Fotos gemacht, um so intensiver sind meine inneren Bilder: wie wir am Tisch in ihrer liebevoll eingerichteten Wohnung sitzen, wie zerbrechlich und wehmütig die alte Dame beim Verabschieden wirkt. Nun sind es die letzten Bilder geworden, die ich von ihr im Gedächtnis trage.


Unvorstellbare Gewalt und Grausamkeit hat sie erfahren. Aber sie hat es vermocht, diese bitteren Erlebnisse umzuwandeln in Menschlichkeit, Mitgefühl, Lebenskraft. Sie und alle anderen Mädchen vom "Zimmer 28" machen Mut - weil es andere Antworten auf Hass und Gewalt gibt als Rache und Vergeltung. Und ihre Botschaft können wir Lebenden weitertragen - was für eine Chance! Und was für ein Geschenk, das Helga Kinsky uns hinterlässt.

Liebe Helga Kinsky, irgendwann wird es wieder möglich sein zu reisen. Ich werde dann das Steinchen, das ich heute, am Ewigkeitssonntag, von der Ostsee mitgenommen habe, auf Ihr Grab legen. Mögen Sie in Frieden ruhen!

Ihre Ute Lemm

 

Dr. Ute Lemm ist Generalintendantin des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters und Sinfonieorchesters. Als wir 2004 die Ausstellung 'Die Mädchen von Zimmer 28' erstmals in Schwerin eröffneten, war sie als Mitarbeiterin beim Festival "Verfemte Musik" diejnige, die Schüler*innen durch die Ausstellung führte und sich um die Gäste kümmerte. Auf ihre Anregung hin holte Dr. Annegret Schüle 2020 die Ausstellung über die 'Mädchen vom Zimmer 28' nach Erfurt in den Gedenkort 'Topf und Söhne'. Sie ist dort noch bis bis Anfang Januar 2021 zu sehen.

Karen Zolko

Worte des Gedenkens

Speechless. Just read the sad news. My heart reaches out to all of her family, which you are a part, a sister, friend and a bound, you girls, planted the seed for a better world. Helga came to this world and made a big difference in the lives of thousands of people. I feel blessed that my path crossed with her path. Helga, thank you, for sharing all your memories with us ❤️❤️❤️

 

Karen Zolko is family of Erika Stransky, a girl of Room 28. Her mother Monika is Erica's half-sister and adored her older sister in very young age when they lived in Prague. Karen tells her story in her contribution to the English Compendium "Remembering Erica". It is the story how she discovers what happened to Erica in her last year after the girls parted in Prague, and how and why she realized a very new exceptional exhibition in Brazil and showed it in many respectable places across the country. More on:  www.room28projects.com 

 

Christel und Götz Kaiser

Wir sind zutiefst traurig über die Nachricht von Helgas plötzlichem Tod. Dass sie nicht schwer krank war und leiden musste, ist ein schwacher Trost. Wir denken viel und gern an die Tage, die wir mit ihr bei uns zu Hause und in Wien und Brünn zusammen mit der lieben Flaška verbringen durften. Helga war ein wundervoller Mensch, so zugewandt, interessiert an allem Neuen, vor allem an Menschen – ein bewundernswertes Vorbild. So wird sie in unseren Herzen immer bleiben.  

 

Als 2006 die Ausstellung "Die Mädchen von Zimmer 28" auf Initiative des Arbeitskreises Ehemalige Synagoge e.V. nach Leutershausen kam, nahmen Christel und Götz Kaiser die beiden Zeitzeuginnen Anna Hanusová (Flaška) und Helga als ihre Gäste auf und kümmerten sich rührend um sie. So entstand eine Freundschaft, die in den folgenden Jahren liebevoll gepflegt wurde.

Evelina Merová

Helga hat uns verlassen.

 

Ich erinnere mich ganz deutlich; ich habe Helga zum ersten Mal im Januar 1943 gesehen, als sie in unser Zimmer 28, ins Mädchenheim L 410 im Ghetto Theresienstadt kam. Ich lag auf der Pritsche und habe sie ganz genau aus der Nähe betrachtet. 

Unser Zimmer 28 im Mädchenheim war damals schon voll besetzt, aber es musste sich noch ein Platz finden. Ich erinnere mich, wie Helgas Vater Otto Pollak, Invalide des Ersten Weltkrieges, zu unserer Betreuerin Tella (Ella Pollak) sagte: "Ich vertraue Ihnen meine Tochter an, da ihre Mutter in England ist"  Und Tella wies Helga einen Platz zu. Unser Heim bekam "eine Neue".

Helga war ein gutes, schönes, bescheidenes Kind. Sie sprach damals perfekt Tschechisch, ich wusste gar nicht, dass sie aus Wien kam. Helga hat sich mit allen Mädchen, glaube ich, gut verstanden. Da gab es keine Probleme. Oft lag sie auf ihrer Pritsche und schrieb.

Ich wusste nicht, was sie da schrieb. Jetzt, nach vielen Jahren, weiß ich es - sie führte ein Tagebuch. Es war ihr sehr bange; es fehlte ihr die Mutter, die im fernen England war.

Im Dezember 1943 musste ich unser "Heim" -  unser Zimmer 28 - verlassen. Meine Familie bekam die Vorladung zum weiteren Transport. Er ging  nach Auschwitz-Birkenau. Aber das wussten wir damals nicht.

Viele Jahre habe ich von Helga nichts gehört. Ich wusste gar nicht, ob sie am Leben geblieben ist. Und ich war ja im September 1945 - meine ganze Familie ist im Holocaust umgekommen - in Leningrad gelandet und wurde dort adoptiert. Viele Jahre war ich abgeschnitten von meiner alten Heimat Prag...

Aber doch haben wir uns viele Jahre später wieder getroffen. War es 1986? So genau weiß ich es nicht mehr.

Obwohl die vergangenen Jahre für uns beide nicht leicht waren, schien mir Helga unverändert - intelligent, sympathisch, elegant. Unsere Freude beim Wiedersehen war enorm.

Dann haben wir uns noch viele Male gesehen - bei unseren Treffen in Prag und Spindlermühle und an vielen anderen Orten. Aber auch das nahm ein Ende. Wir trafen uns immer seltener. Unser Freundeskreis wurde immer kleiner. Doch die  langen Telefongespräche mit Helga brachten uns immer wieder Freude.

Aber auch das ist jetzt zu Ende.

Es bleiben nur die schönen Erinnerungen an unsere Freundschaft, an unsere gemeinsam verbrachte traurige Kindheit in Theresienstadt, und an die vielen glücklichen Momente unseres Zusammenseins in späteren Jahren. 

 

Evelina Merová, geb. Landa, gehört zu den Überlebenden von Zimmer 28 und zum Kreis der Frauen, die an dem Room 28 Erinnerungsprojekt aktiv teilnahmen. Unzählige Male wurde sie eingeladen im Rahmen der Ausstellung oder im Rahmen von Brundibár-Aufführungen und aus anderen Anlässen. Ihre Erinnerungen erschienen als zweiter Band der Reihe Edition Room 28 unter dem Titel: Lebenslauf auf einer Seite. Prag - Theresienstadt - Auschwitz-Birkenau - Leningrad.  Es ist ein rührendes Dokument eines einzigartigen Lebenslaufs eines tschechischen Mädchens aus Prag.

Edition Room 28: www.edition-room28.net/blog

Room 28 Bildungsprojektwww.room28education.net/aktuelles

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