Room 28 Manifest

Hannelore Brenner

Januar 2021

 

Der nachfolgende Text wurde geschrieben, um das von uns als Beitrag für das Festjahr 2021 - 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland geplante Projekt zu verdeutlichen und vor allem unser Anliegen und unsere Ziele zum Ausdruck zu bringen. - Unser Bildungsprojekt hat eine eigene Website: www.room28education.net  Es ist geplant, sie auch in den Sprachen Englisch, Tschechischn und Portugiesisch anzubieten.

'"Was ist schlecht daran, eine Jüdin zu sein?"

Anna Hanusová, September 2006

"Was ist schlecht daran, eine Jüdin zu sein?"

Die Frage von Anna Hanusová (1930-2014) gehört zu den zentralen Fragen des Room 28 Bildungsprojektes. Es erzählt in multimedialen Formen die Geschichte einer Gruppe von jüdischen Mädchen, deren Schicksalswege zwischen 1943 und 1944 im Zimmer 28, Mädchenheim L 410 im Ghetto Theresienstadt zusammentrafen.

"Die Zeit, in der die 'Mädchen von Zimmer 28' vor der Verfolgung durch die Nazis aufgewachsen waren", schreibt Dr. Christian Walda in seinem Beitrag für das Kompendium zum Room 28 Bildungsprojekt, "war bestimmt von einer Entwicklung, die im 19. Jahrhundert einsetzte und den Juden zunehmend rechtliche Gleichstellung gewährte. (...) Die Assimilierung verdichtete sich bis in die Zwischenkriegszeit, in der die meisten Familien jüdischer Herkunft sich als Deutsche, Österreicher oder Tschechen fühlten und definierten, und sich von ihren Nachbarn wenig unterschieden."

 

Die "Mädchen von Zimmer 28" waren Kinder aus der Tschechoslowakischen Republik und aus Österreich, geboren um 1930. "Die jungen Leute wurden von einer Atmosphäre geprägt, in der allgemein Kultur wie Musik und Literatur einen viel höheren Stellenwert hatte als Religion. Nicht wenige der Mädchen haben vor ihrer Verfolgung nicht einmal gewusst, dass ihre Familie jüdischer Herkunft ist." (Christian Walda) Viele unter ihnen und mit ihnen tausende von Juden aus allen europäischen Ländern wurden erst durch die rassistische Verfolgung in der Nazizeit mit ihrem ‚Jüdisch-Sein‘ konfrontiert und mussten sich fortan mit ihrer ‚jüdischen Identität‘ auseinandersetzen. Und immer wieder die Frage stellen: „Warum? Was ist schlecht daran, eine Jüdin zu sein?“

Fünfundsiebzig Jahre nach dem Holocaust muss diese Frage trotz einer in Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten wachsenden Holocaust-Erinnerungskultur immer noch gestellt werden.

Und immer noch müssen wir gegen Klischees und Vorurteile, gegen Hass, Rassismus und Antisemitismus ankämpfen, auch, wie aus den Reihen diffuser Gruppierungen, die gegen Corona-Maßnahmen demonstrieren, offenkundig wird, gegen erschreckend pervertierende Geschichtsbilder. Mit jedem Tag sehen wir uns einer wachsenden Gewaltbereitschaft gegenüber und Menschen, die Begriffe wie Solidarität, Rücksichtnahme, gesellschaftliches Miteinander und politisch-demokratisches Handeln auf perfide Weise unterwandern und eine drei Jahrzehnte wachsende Holocaust-Erinnerungskultur zunichte zu machen drohen.

Symbol und Programm

Flagge der "Mädchen von Zimmer 28"

Room 28 – das ist für uns Symbol: eine „Keimzelle der Menschlichkeit“. Room 28 ist für uns auch Programm: die Aufforderung, dafür einzutreten, dass diese Keimzelle wachsen und blühen kann und das Vermächtnis der „Mädchen von Zimmer 28“ lebendig erhalten bleibt. Dies tun wir vermittels unseres multimedialen Bildungsprojektes und den damit verknüpften Projekten und Veranstaltungen. Denn es ist unser Ziel, dass Room 28 ein Bestandteil unseres kollektiven Gedächtnisses wird.

Jude, Jüdin, jüdisch

Jude, Jüdin, jüdisch – diese Worte tragen immer noch ein bedrohliches Potenzial in sich, eine explosive Mixtur aus Klischees, Vorurteilen, Ignoranz, Hass, Gewaltbereitschaft und der Unfähigkeit, einem Menschen vorurteilsfrei und frei von Rassismus zu begegnen.

"Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt", sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Januar 2020 bei der Holocaust-Gedenkstunde in Yad Vashem. "Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten." – Leider. Es ist nicht einfach mit dem "Aus der Geschichte lernen“.

Lernen aus der Geschichte

Mit dem Room 28 Bildungsprojekt verfolgen wir genau dieses Ziel: Wir wollen, dass junge Menschen am Beispiel der Geschichte der „Mädchen von Zimmer 28“ lernen.

Lernen über den Holocaust, über Verfolgung von Menschen aus rassistischen und menschenverachtenden Motiven, über Verfolgung von Menschen mit jüdischen Wurzeln in Deutschland, in Europa, weltweit und im Besonderen, vermittels der Geschichte der "Mädchen von Zimmer 28", in unseren Nachbarländern Österreich und der ehemaligen Tschechoslowakischen Republik. Lernen über das, was im sog. "Protektorat Böhmen und Mähren" geschah, im Ghetto Theresienstadt und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Aber auch lernen, welche Bedeutung Kunst und Kultur haben im Ringen um Selbstbehauptung, um die Behauptung der eigenen Identität und Würde.

Erfahrbar machen

Erfahren, was da im Zimmer 28 geschah, dieser „Insel im tobenden Meer“; erfahren, wie Begriffe wie Freundschaft, Solidarität, Menschlichkeit in diesem Zimmer, von diesen Mädchen, dank der Betreuenden und Mithäftlinge, darunter viele Künstler, mit Leben gefüllt wurden; erfahren, was die "Mädchen von Zimmer 28", die Ermordeten wie die Überlebenden, uns zu sagen haben. All dies ist überliefert - in authentischen Dokumenten, in den Werken, die im Bündnis mit ihnen geschaffen wurden (Room 28 Projects), und in vielen Ton- und Filmaufnahmen aus dem Archiv der Room 28 Projects, die es für das Bildungsprojekt und die Ausstellung aufzubereiten gilt.

Kollektives Erinnern

Über viele Jahre, seit 1996, haben die Überlebenden vom Zimmer 28, die an dem jüdisch-deutschen Erinnerungsprojekt mitwirkten, aus diesem Projekt ein lebendiges Projekt gemacht. Unzählige Male gaben sie Zeugnis ab, an vielen Orten der Welt, teilten ihre Erfahrungen immer wieder, meist mit jungen Menschen. Heute, im Jahre 2021, nachdem fast alle Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus unserem Kreis von uns gegangen sind, ist dies nicht mehr möglich.

Wir müssen zu anderen Formen greifen, neue Wege finden, neue Verbindungen und Kooperationen eingehen, auch Finanzierungen suchen, um die Geschichte dieser Mädchen und deren einzigartiges Vermächtnis lebendig zu erhalten; im Interesse unserer Gesellschaft und unserer Zukunft; im Interesse junger Menschen und kommender Generationen, und als sinnstiftender Bestandteil unseres kollektiven Erinnerns.

Original-Stimmen

Helga Kinsky, bei einer Lesung 2011 in Wien

Das große Problem ist, dass ich das nicht verstehe. Ich kann mich nicht damit auseinandersetzen, warum man die Juden hasst, warum man das überhaupt gemacht hat. Und dazu krieg ich ja nie eine Antwort. Weil  - dazu gibt es ja keine Antwort. Wir sind ja Menschen wie alle anderen.

 

Helga Kinsky, nachzuhören im SWR-Hörfunkfeature von Hannelore Brenner "Die Mädchen von Zimmer 28" (2003). Foto: Johanna Tinzl

 

Handa Drori (r.) mit Hanka Weingarten, September 2006 in Spindlermühle

Als eines der Mädchen vom ‚Achtundzwanziger’– so haben wir damals unser Zimmer genannt – hoffe ich, dass unser Projekt sein Ziel erreicht. Für uns ist dies aus zwei Gründen wichtig: Zum einen, damit die Mädchen, die mit uns im Zimmer 28 gelebt haben und aus den Konzentrationslagern nicht zurück gekommen sind, nicht vergessen werden. Zum anderen als Mahnung für die nächsten Generationen, und als Beispiel dafür, wie leicht ein neuer Holocaust geschehen könnte, wenn gutwillige Menschen zu gleichgültig sind und es hasserfüllten Fanatikern erlauben, an die Macht zu kommen. Ich wünsche allen, dass sich so schlimme Zeiten niemals wiederholen mögen.“

Die Zeilen von Handa Drori sind nachzulesen in den Kompendien zum Bildungsprojekt.

Judith Rosenzweig, September 2006 in Spindlermühle

Ich sag immer - dass ich acht Enkelkinder hab, hab ich Hitler einen Streich gespielt. Er hat nicht gewonnen. Er hat uns nicht vernichtet. Aber wohin das geht, ist mir heute schwer zu sagen, weil es sich schon wieder so wiederholt, dieser Hass, wieder dieses gegen die Menschen, gegen die 'Fremden', was heißt das: Fremde? Alle sind doch Menschen, niemand wählt sich aus, welche Farbe er bekommt, welcher Mensch seine Mutter und sein Vater sein wird. Die Menschen kommen zur Welt doch ganz ohne was dazu zu tun. Das Kind kann doch nichts dafür. Und der Vater von dem Kind auch nicht, weil er war auch einmal ein Kind von einer Mutter. Niemand hat sich das ausgesucht. Warum glauben das Menschen nicht? Ich kann es nicht verstehen.

Judith Rosenzweig, nachzuhören im SWR-Hörfunkfeature von Hannelore Brenner "Die Mädchen von Zimmer 28"( 2003)

Stimmen zu den "Room 28 Projects"

Die folgenden Zitate sind Beiträgen entnommen, die in den Kompendium zum Room 28 Bildungsprojekt nachgelesen werden können. Das im obigen Text angeführte Zitat von Dr. Christian Walda stammt aus seinem Beitrag "Die Mädchen von Zimmer 28 und die jüdische Kultur". Alle Beiträge können auf der Download-Seite der Website von Room 28 Education nachgelesen werden. Die Worte von Thomas Rietschel stehen im Kommentar zu unserem Bildungsprojekt auf der Spendenplattform Betterplace. org

Prof. Peter Gstettner, Klagenfurt

Die Room 28 Projects sind mehr als nur Erinnerungen an eine dunkle Zeit….(sie) berühren auch Fragen der Humanität und Empathie, der Solidarität und der Entwicklung sozialer Kompetenz unter den in Konzentrationslagern prekären Lebensbedingungen.

 

Prof. Detlef Pech, Humboldt Universität zu Berlin

Die Entwicklung der Persönlichkeit, die Humanisierung des Menschen, braucht ein Gegenüber. Und welche Kraft dies haben kann, dafür steht die Geschichte der „Mädchen von Zimmer 28“.

 

Dr. Christian Walda, ehemaliger Leiter des Jüdischen Museums in Rendsburg

Die Ausstellung "Die Mädchen von Zimmer 28" war für uns eine wichtige Form, um das Interesse vor allem junger Menschen an der Shoah zu wecken. Die Geschichte dieser Mädchen in Theresienstadt hat ihnen klargemacht, dass Kultur nicht Luxus ist, sondern Grundlage unserer Humanität.

Europäische Kommission: 

This is a unique project focusing on the solidarity, compassion, and resilience which developed as a reaction to the abnormal situation of living in a Ghetto with the constant threat of transportation to the East.

Der folgende Link führt zur Room 28 Education-Website, speziell zu "Events mit Helga Kinsky" und zu vielen weiteren Details der Room 28 Projects.

Thomas Rietschel. Als Generalsekretär der Jeunesses Musicales initiierte er Mitte der 1990er Jahre das pädagogische Brundibár-Projekt und war viele Jahre Präsident der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt a. M.

 

Dieses Projekt ist so wichtig in unserer Zeit. Es stärkt uns und unser Umfeld, wenn wir für Ideale leben, für etwas das größer ist als wir. Und wir können wachsen und (Widerstands-) Kraft gewinnen in der Auseinandersetzung mit der Kunst. Die Mädchen von Zimmer 28 haben diese Erfahrungen im Ghetto Theresienstadt gemacht. Einige von Ihnen haben die Vernichtungslager überlebt und sahen es als ihre Verpflichtung an, dass ihre Geschichte weiter erzählt wird, vor allem an Kinder und Jugendliche, die heute so alt sind, wie sie damals im Ghetto Theresienstadt waren. Alle Kinder und Jugendlichen in unserem Land sollten die Geschichte der "Mädchen aus Zimmer 28" kennen.

 

Karen Zolko, São Paulo, Realisatorin der brasilianischen Ausstellung:

 

"As meninas do quarto 28" is a tool for a better world and future.

Room 28 Manifest. 2021
Room 28 Manifest Deutsch.pdf
PDF-Dokument [924.9 KB]
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Room 28 e.V.